Die Inseln, die verschwinden: Kiribatis Untergang

von Sebastian Reiter

Beispielbild: Die dunklen Wolken am Horizont stehen symbolisch für die ungewisse Zukunft des Inselstaats Kiribati

Weißer Sandstrand, Palmen und türkises Meer – was für dich wie die Beschreibung deines Traumurlaubes klingt, ist Realität auf Kiribati (ausgesprochen: Kiribas). Trotz der malerischen Kulisse ist der Inselstaat aber weit davon entfernt, ein Urlaubsparadies zu sein. Während anderswo noch über Auswirkungen und mögliche Folgen der Klimakrise diskutiert wird, ist es für die Einwohner*innen von Kiribati schon zu spät. Hier ist die Klimakrise Realität.

Südlich von Hawaii und nördlich von Neuseeland gelegen, erstreckt sich Kiribati auf 33 Inseln, verteilt auf eine Meeresfläche so groß wie die USA. 21 der kleinen Inseln sind bewohnt. Die Einwohner*innen nennen sich I-Kiribati. Insgesamt gibt es 115.000 von ihnen. Doch wie lange können sie noch auf den Inseln leben?

Die Klimakrise bedroht die Existenz der I-Kiribati

Das größte Problem stellt der Anstieg des Meeresspiegels dar – eine Folge der globalen Erwärmung. Eine Erhöhung schon um wenige Millimeter ist eine existenzielle Bedrohung für die Einheimischen. Die meisten der Inseln liegen nur einen bis drei Meter über dem Meeresspiegel, so auch die Hauptstadt Süd-Tarawa (drei Meter über dem Meeresspiegel).

Bei einem unverminderten Ausstoß an Treibhausgasen gehen Wissenschafter*innen von einem Anstieg des Meeresspiegels um 0,6 bis 1,3 Meter in diesem Jahrhundert aus – der Großteil von Kiribati wird dann versinken. Bis 2050 wird die Zahl der Bewohner*innen in Süd-Tarawa von 50.000 auf 80.000 ansteigen, das ist ein Wachstum um 60 %. Der Grund sind Klimaflüchtlinge von anderen versinkenden kiribatischen Inseln. Doch dieses Problem ist noch weit weg, verglichen mit anderen, drängenderen Problemen.

Immer häufiger kommt es zu Sturmfluten und Zyklonen, die auf den Inselstaat treffen. 2015 sorgte der Zyklon Pam für Zerstörung und Tote auf Kiribati. Häuser wurden überschwemmt, das Hab und Gut notgedrungen in Hängematten vor dem Wasser gerettet. Ein Jahr später folgte Zyklon Winston, er verfehlte Kiribati knapp, aber das naheliegende Fidschi wurde schwer getroffen. Die I-Kiribati versuchen sich gegen die Naturkatastrophen zu wappnen und errichten Dämme und Schutzwälle. Doch Beton ist teuer, es muss improvisiert werden, deshalb sollen Barrikaden aus Müll helfen.

Noch nicht schlimm genug, bringt der Meeresspiegelanstieg ein weiteres Problem mit sich. Die Trinkwasserquellen auf den Inseln liegen nur knapp unter der Oberfläche. Steigt der Meeresspiegel, sickert das Salzwasser in die Quellen und versalzt sie. Dann ist keine Landwirtschaft mehr möglich. Eine Katastrophe für die Einheimischen, denn viele von ihnen sind Selbstversorger.

Durch das Meerwasser steigt auch der Salzgehalt im Boden. Ist dieser zu hoch, sterben die Brotfruchtbäume und Kokospalmen. Damit geht die zentrale Einkommensquelle verloren: Die getrocknete Kokosnuss ist eines der wenigen Exporterzeugnisse des Inselstaates.

Der wortwörtliche Untergang der Inseln steht also bevor – ein trostloser Ausblick. Doch trotz der scheinbaren Hoffnungslosigkeit kämpfen einige I-Kiribati um ihre Zukunft. Einer von ihnen ist Anote Tong.

Anote Tong hält ein Mikrofon und spricht
Anote Tong (ehemaliger Präsident von Kiribati) setzt sich auch heute noch für Klimagerechtigkeit ein.

Foto: John Englart (https://fffutu.re/dbbsgN)

Der Kämpfer für den Erhalt von Kiribati

Tong war von 2003 bis 2016 Präsident von Kiribati. International ist er vor allem für seinen Kampf auf UN-Ebene bekannt. Er kämpfte dafür, dass die Klimakrise ernst genommen wird, obwohl es für sein Land schon zu spät war.

Heute setzt sich Tong weiter für Klimagerechtigkeit ein. Er spricht mit Wissenschafter*innen, Politiker*innen, Schüler*innen und Wirtschaftstreibenden. Seine Botschaft ist simpel: Das Schicksal von Kiribati ist das Schicksal der Welt.

Lösungen bringen Probleme mit sich

Tong arbeitete an Lösungen, um Kiribati zu retten. So kaufte er während seiner Amtszeit im benachbarten und höher liegenden Fidschi Land. Dort sollen sich die I-Kiribati niederlassen, wenn ein Leben auf Kiribati nicht mehr möglich ist. Klingt nach einer einfachen Maßnahme, doch ein Umzug eines gesamten Staates wirft viele Fragen auf: Welche Rechte haben die I-Kiribati auf Fidschi? Sind sie weiterhin eine eigene Nation? Bekommen alle Klimaflüchtlinge eine Aufenthaltsgenehmigung? Fragen über Fragen, auf die es Antworten zu finden gilt.

Neben dem Notplan, nach Fidschi auszuwandern, gibt es weitere Möglichkeiten für die Bewohner*innen von Kiribati. Ein Beispiel sind Hilfsprogramme. Ein solches besteht mit Neuseeland: I-Kiribati, die es in das Programm schaffen, ziehen dorthin und bekommen einen Job. Doch die Flüge nach Neuseeland sind teuer. Ob die ganze Familie mitkommen kann, ist daher ungewiss.

Eine andere Richtung schlagen Konzepte von Unterwasserstädten und schwimmenden Städten ein – der technische Fortschritt macht es möglich. Bedenken bezüglich Unwetterkatastrophen und wie die schwimmenden Städte diesen standhalten können, bleiben aber bestehen.

Eines steht jedoch fest: Die I-Kiribati werden früher oder später flüchten müssen. Sei es nach Fidschi, Neuseeland oder auf eine schwimmende Stadt. Für die Bevölkerung sind alle diese Varianten eine große Umstellung. Sie sind ein unbeschwertes Volk; Tanz und Musik gehören zu ihrer Kultur. Mit dem Verlassen ihrer Heimat, geht die spirituelle Erdung verloren. Das scheint unausweichlich.

Das Schicksal von Kiribati ist das Schicksal der Welt.

Wir tragen die Verantwortung

Kiribati wird versinken, das ist laut Wissenschafter*innen nicht mehr zu verhindern. Die I-Kiribati müssen eine Lösung finden, wie sie ihr Volk retten. Früher oder später werden sie zu Klimaflüchtlingen werden. Und das, obwohl sie so niedrige CO2-Emissionen pro Kopf verursachen wie kaum ein anderes Land auf der Welt. 2016 lagen Kiribatis CO2-Emissionen pro Kopf bei 0,59 Tonnen (Quelle: Weltbank). Zum Vergleich: Österreich verursachte im gleichen Jahr 7,03 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf (Quelle: Weltbank).

Die I-Kiribati sind einige der Extrem-Leidtragenden der Klimakrise, obwohl sie keine Schuld daran haben. Sie müssen eine neue Heimat finden, weil nicht auf die Klimakrise reagiert wurde. Die Menschen dort haben keine Wahl, sie konnten sich ihr Schicksal nicht aussuchen. Sie werden für das Verhalten der reichen Länder und Klimasünder*innen bestraft. Genau deswegen braucht es eine gerechte Klimapolitik. Und dafür braucht es Menschen mit einem Gewissen und mit Empathie, die auf die Straße gehen und die Politik an ihre Verantwortung erinnern – für sich selbst, aber noch viel mehr für die I-Kiribati und alle anderen gegenwärtigen sowie zukünftigen Klimaflüchtlinge auf dieser Welt.

Noch mehr Informationen über Kiribati und Anote Tongs Kampf um Klimagerechtigkeit findest du in dieser Dokumentation des ZDF - eine Doku, die nahe geht und aufrüttelt!

Ich bin im Social-Media-Team von Fridays For Future und blogge hier über Klimathemen, die mich berühren.

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