10 Jahre Paris - Wer die Welt zusammenhält, während man Kohle, Öl und Gas verfällt
von Lea Moser
Es ist genau zehn Jahre her, dass die Welt in Paris Geschichte schrieb. Am Freitag erinnern wir uns an die Verabschiedung eines historischen, völkerrechtlich bindenden Klimaschutz-Übereinkommens. Mit vereinten Kräften gelang es am 12.12.2015, dass sich der ganze Globus dazu verpflichtete, die Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius, zumindest aber deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Ein Kraftakt, dessen Tragweite bis heute spürbar ist - und von dem sich der momentane Kurs der Politik doch längst meilenweit entfernt hat. Doch wer nur mehr einen verbrannten Rest am Boden dieser erhitzten Erfolgsgeschichte zu sehen meint, braucht dringend eine perspektivische Ergänzung.
Die eigentliche Geschichte begann nicht in Paris. Schon Jahrzehnte zuvor warnte die Wissenschaft: Wer an fossilen Abhängigkeiten festhält, setzt die Zukunft aufs Spiel. Der schleppende Prozess der Erkenntnis dauerte 20 Klimakonferenzen an - das Übereinkommen von Paris war kein Momentum, das vom Himmel fiel, sondern mühevollste, jahrelange Handarbeit. So leicht ist es, angesichts der Größe der Herausforderungen in Zynismus zu verfallen - so schwer und umso mutiger, tatsächlich an Veränderung zu glauben und sie weiter voranzutreiben.
Die Geschichte hat aber damit auch nicht geendet. Seit Paris ist viel passiert, aber trotzdem viel zu wenig. Doch eines ist gewiss: Die Geschichte endet auch dann nicht, wenn Berichte erscheinen, die vor dem Überschreiten der 2-Grad-Grenze warnen. Sie endet nicht, wenn über 1600 fossile Lobbyisten Klimakonferenzen fluten und die Politik Versprechen um Versprechen bricht. Sie endet auch nicht, wenn planetare Belastungsgrenzen überschritten werden. An dieser Geschichte schreiben wir alle mit unseren Taten mit. Wie viel Mut haben wir als demokratische Gesellschaft, zu unseren Werten zu stehen und den Schutz der Menschlichkeit in dieser entscheidenden Phase hochzuhalten?
Der österreichischen Regierung fehlt momentan jedenfalls nicht nur der Mut, sondern auch der vielgepredigte Hausverstand. Egal wie sehr manche Staaten rudern, damit wir irgendwie wieder auf Kurs kommen, Länder wie Österreich verstärken derzeit den schlingernden Kurs weiter. Statt nach Kräften mitzurudern, wird hierzulande bequem behauptet, die Wirtschaft sei noch nicht bereit zu rudern und den Leuten könne man diesen Kraftakt nicht zumuten. Mit dieser Haltung droht langfristig das gesamte Boot zu kentern.
Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass diese Geschichte nur durch einen gemeinsamen Kraftakt gut ausgehen kann. Wir drohen gerade ohne Klimaschutzgesetz und bepackt mit milliardenschweren fossilen Subventionen unterzugehen, während wir Klimaschäden bereits bitter zu spüren bekommen. Die Frage lautet nun also: Wollen wir diese desaströse Schieflage weiter bis zum Kentern eskalieren lassen - oder stemmen wir uns dagegen und vollbringen endlich eine Richtungsänderung? Und weil wir bei diesem Manöver alle Menschen an Deck brauchen, ist es auch eine persönliche Frage: Welche Haltung nehme ich in der Schieflage der Welt ein, und gebe ich der Möglichkeit einer Kursänderung durch mein Anpacken eine Chance?
Paris hat uns allen eine Grundlage gegeben. Aber schlussendlich zählen nicht die historischen Dokumente, sondern der Fakt, dass Naturwissenschaften unverhandelbar sind und Scheinargumente keine Menschenleben retten können. Jetzt heißt es arbeiten, rudern, oft auch gegen den Strom. Wenn gebrochene Versprechen drohen, alles zerfallen zu lassen, müssen wir umso stärker zusammenhalten - das ist ein Auftrag an uns alle!